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21.02.2012 (numer 8/2012)
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„Wer Wendisch spricht, tut es aus Liebe“

Encheiridion Vandalicum oder Das Buch von den Wenden von Jürgen Buchmannn

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Jürgen Buchmann, Encheiridion Vandalicum oder Das Buch von den Wenden: Bestellen können Sie es unter info@reinecke-voss.de ISBN 978-3-942901-02-4. Es kostet 10 €.

Gewöhnlich kommen Sorben nicht in den Genuss öffentlichkeitswirksamer Lobbyarbeit. Will man aber das Verhältnis zu sich selber stärken, so bedarf man, wie Seneca bemerkt, der Freunde, um die eigene Lethargie zu vertreiben. Mit seinem Encheiridion Vandalicum versucht Jürgen Buchmannn Mutlosigkeit und Selbstzweifel der Sorben auf schelmische Weise auszuräumen. Sein graziles Kunst­werk – so muss man es ohne Über­treibung nennen – enthält auf 70 Seiten 21 Geschichten, wel­che – ganz oberflächlich ausgedrückt – von Zukunftsangst und End­zeitstimmung in der Lausitz handeln. Der Autor kennt den histo­rischen Stoff, weiß aber gut, dass von den spannungsvollen und komplizierten Erfahrungen der Wenden am prägnantesten in Anekdoten erzählt werden kann. So tragen seine Geschichten eine unausprechliche Würde des geschundenen Lebens in sich.

Buchmanns Satire nimmt alle Lausitzer, Sorben wie Deutsche, aufs Korn, wenn auch seine Parteinahme keinen Augenblick in Frage steht. So kritisiert der Autor den Fehler der Sorben, dass sie ihren Protest niemals politisch pointieren, dass sie nicht auf die Pauke hauen und ihre allzu konziliante und versöhnlerische Mentalität nicht abstreifen können. Im „Grossen Wendischen Kongress“ zum Beispiel nehmen sie ihre Katastrophe ganz einfach nicht zur Kenntnis und vertagen am Ende, wie alles andere auch, sogar den eigenen Untergang. Und suchen nicht tatsächlich viele, statt zu handeln, auf nostalgische und resignierte Weise Zuflucht in einer Zeit und einer Welt, die es gar nicht mehr gibt? Gefühle der Unsicherheit und der Minderwertig­keit summieren sich zu einem globalen Gefühl der Ohn­macht. Die große Tragik der Sorben ist wohl, dass sie immer so loyal sein wollen. Im Märchen vom Tränklein Doberliwotsch werden sie am Ende für ihr Wohlmeinen belohnt – aber Buchmann lässt keinen Zweifel daran, dass er hier ein Märchen erzählt.

Wenn man in dieser prekären Situation etwas zum Überleben braucht, dann sind es sicherlich Humor und heitere Ironie, die hier fast in jeder Geschichte aufscheinen. Daran hat man mehr als an bloßem Wehklagen. Humor bringt nicht nur die nötige Leichtigkeit ins Leben, er kann auch Kreativität erzeugen – eine Distanz zu den Dingen und zu sich selbst, die Raum für neue Gewissheiten schafft. Diese Heiterkeit ist hier mit sanfter Ironie verschwistert, andeutungsvoll und spielerisch. Eindeutige politische Zuordnungen oder Parteiprogramme werden sich in dem Buch von den Wenden denn auch nicht finden lassen, hier gibt es keine fertigen Schubladen. Das darf sogar jemand behaupten wie ich, der kein Literat ist.

Buchmanns Humor ist mehr als Frohsinn oder Heiterkeit. Einfacher Humor würde allzu leicht mit guter Laune verwechselt werden, und die passt angesichts der Lage der Sorben wirklich nicht. Aber Humor, gepaart mit Ironie, lässt eine angenehme Distanz entstehen, mit der sich selbst heikle Lausitzer Zustände zur Sprache bringen lassen. In der „Hasenver­sammlung“ beispielsweise tritt zutage, dass die Hasen nichts zum Lachen haben. Sie sind zusammengekommen, um den Frühling zu feiern; aber ach, ihr vergnügter Tanz könnte als „häsischer Natio­nalismus“ verstanden werden. Und so sorgt ein am Rande kläffender entrüsteter Hund, dass den Frühling die andern feiern, während die armen Hasen sich in alle Winde zerstreuen.

Der Autor möchte nicht, dass die Menschen in der Lausitz an ihrer begrenzten Wirklichkeit zer­brechen; er ermuntert sie, ihr mit spielerischer Phantasie zu ent­fliehen, um neue Perspektiven zu erträumen. Der Mensch, wie ein deutscher Dichter gesagt hat, ist vielleicht nur dort ganz Mensch, wo er spielt und der Macht der Gewohnheit entrinnt – wo er mit anderen Worten nicht in der trägen Alltagsrealität stecken­bleibt, sondern neue Möglichkei­ten seines Lebens entwirft. So­­lan­­­ge er sich nur auf einer vor­ge­­­ge­benen Oberfläche bewegt, wird er sich immer wie ein Ham­ster im Rad der kapitalisti­schen Zweckmäßigkeit abstrampeln. Das Großartige aber beginnt, wo er spielt, wo er sich von der ordinä­ren Wirklichkeit nicht beugen lässt. Das ist das Geheimnis von Buchmanns fantastischen Erfindungen, die glaubwürdiger sind als die offizielle Geschichtsschreibung, die so manche unangenehme Wahrheit zu beschönigen liebt. Mit ihrer Ironie und ihrer listigen, erfindungsreichen Verfremdung bringen Buchmanns Satiren und imaginäre Buchbestrechungen das Verborgene und Ungesagte ans Licht. Sie ermutigen weniger dazu, mit gedankenlosem Lachen herauszuplatzen, als innezuhalten und lächelnd sich selber und die eigene Lage wiederzuerkennen.

Wenn es zum Beispiel um die Eigenarten der wendischen Orthographie geht, macht Buchmann mit listiger Verwunderung darauf aufmerksam, dass im Wendischen nicht nur manche Laute wie das [w] vor [u] oder [o] stumm sind, sondern dass sogar ganze Wörter über Nacht verstummen, wie z.B. die Namen von wendischen Schulen oder Dörfern. Oder da ist die schwierige Aussprache des Sorbischen, die derart heikel ist, dass es bisher noch keinem Deutschen gelungen ist, einen einzigen Satz der Entschuldigung für das Unrecht an den Wenden hervorzubringen. Dieser verschmitzte Witz befreit für einen Augenblick vom Druck der Melancholie und des Schweigens und macht es leichter, eine Last zu tragen, deren Existenz nun einmal nicht zu leugnen ist.

„Um Himmelswillen, wozu denn Wendisch lernen“, fragen den Autor die Leute, „das spricht doch kaum mehr einer“. Und die schlitzohrige Antwort lautet: „Deswegen lerne ich´s ja. Da ist es schon einer mehr“. Gerade dort, wo das Leben schwer wird, findet Buchmann Erleichterung in dieser ironischen Heiterkeit, ohne die Tragik zu leugnen, wenn er schreibt: „Früher war die Sache einfacher: Wenn du Wendisch gesprochen hast, hast du Prügel bezogen. Ein Vergnügen war das nicht, aber man wusste wenigstens, woran man war.“ Und heute? Da sei das Wendischsprechen jederzeit erlaubt, sogar dort, wo es nun wirklich nicht nötig sei – Hauptsache, es koste nichts. Wenn das Wendische schon seit dem Mittelalter verboten und gleichermaßen von den Preußenkönigen, von Bismarck, von der Weimarer Republik usw. verfolgt worden sei, dann könne man schon verstehen, dass die heutigen Kulturbehörden ungeduldig würden, wenn die Sorben immer noch etwas wollten.

Wenn man das liest, beginnt man sich klarzuwerden, dass die Mehrheit mit ihren hemdsärmeligen Machern von dem sozialdarwinistischen Argument vom Recht des Stärkeren nach wie vor überzeugt bleibt. Vor diesem „Recht“ haben die Sorben immer schon Angst gehabt. Wer Schwäche zeigt, wird eben gefressen. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Buchmann versucht der Schwäche mit Zuneigung – man sagt auch Liebe dazu – beizukommen.

Muss der Kampf der Schwachen immer in der Anpassung enden? Muss man die sorbische Sprache verschmähen? Plötzlich erweisen sich die einfachen Worte als gewaltig, es zeigt sich, dass Gefühlezeigen keineswegs Schwäche ist. Denn „wenn du mich fragst: Un­sere Sprache ist eine Sprache der Hoffnung. Sie war niemals die Sprache der Macht; wer sie spricht, tut es aus Liebe“. Damit verwandelt Buchmann eine angebliche Schwäche in den stärksten Vorteil, den man besitzen kann, nämlich die Liebe, die man in sich trägt. Im Besitz dieser Liebe kann man mit jedermann in Augenhöhe verhandeln. So erweist sich in Buchmanns „Buch von den Wenden“ das Eingeständnis der Liebe zum Sorbentum als Zeichen der Stärke, mehr noch, als Gütezeichen der Zukunft. Diese Liebe ist keineswegs verurteilt, verborgen und bloß behauptet zu werden; sie hat ein Recht darauf, gelebt zu werden. Die Lüge, die Verdrängung, das Schweigen soll endlich aufhören, der Normalfall zu sein. Es wäre schade, wenn unser Volk einem Dichter, der ihm so wohlgesonnen ist, kein Ohr schenken würde.

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M. Walde

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