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27.07.2010 (numer 30/2010)
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Das wendische Lieberose

Rundgang durch die Stadt mit Dr. Alfred Roggan

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Wendisch gesprochen wird heute in Lieberose/Luboraz von niemandem mehr. Aber dass Wenden und Deut­­sche hier früher zusammenleb­ten, weiß man noch. Urkunden zeugen von der Koexistenz beider Spra­chen. Die Kenntnis der alten wendischen Ortsnamen ‚verrät’ auch heute den Ein­heimischen und auch so manche Bräu­che haben sich in der Umgebung erhalten. Weil sie darüber mehr wissen wollten und das Interesse an der Stadtgeschichte unter den Lieberosern und ihren Nachbarn groß ist, organisierte die Schule für niedersorbische Sprache und Kultur schon im letzten Jahr ein Kolloquium, wo u. a. über Trach­­ten, Flurnamen sowie die alten Sit­ten und Gebräuche gesprochen wurde. Und einen historischen Stadtrundgang müsste man noch machen, waren sich da­mals alle einig. Dieser fand nun am 9. Ju­li diesen Jahres unter der Leitung von Denk­malpfleger Dr. Alfred Roggan statt.

Im schön restaurierten Bürgerhaus am Markt 29 war es unerwartet herrlich kühl. Dort verfolgten die Teilnehmer zuerst einen Vortrag von Dr. Roggan über die Gründung der Stadt im Mittelalter und ihre Entwicklung in der Region. Anhand alter Landkarten zeigte er z.B., dass Lieberose um 1780 eine ebenso bedeutende Stellung im Netzwerk der Städte einnahm wie Cottbus. Lieberose lag damals an einem alten Handelsweg, der von Leipzig nach Frankfurt/Oder führte.
Über die alten Wege – heute oft nur noch kaum befahrene Feldwege oder gar mit dem Truppenübungsplatz und der Kollektivierung der Landwirtschaft ganz verschwunden – entspann sich eine lebhafte Diskussion unter den An­wesenden.

Beim anschließenden Stadtrundgang glänzten die Lieberoser mit Detailwissen über die zu besichtigenden Bürgerhäuser und Kirchen. Markant ist heute am Markt die Ruine der Stadtkirche, der „Deutschen Kirche“. Sie fiel 1945, kurz vor Kriegsende, zwei Bomben zum Op­fer. Die Stadtkirche diente ursprüng­lich der deutschsprachigen Stadt­be­völkerung und der Grafenfamilie von der Schulenburg als Gotteshaus. In der Landkirche, der „Wendischen Kirche“ direkt nebenan, durfte nur gepredigt werden, aber kein Abendmahl erteilt werden, keine Taufen oder Hochzeiten statt­finden. Die letzten wendischen Pre­digten fanden um 1900 statt. Nach der Zerstörung der Stadtkirche konnten Teile ihrer wertvollen barocken Innen­ausstattung in die wendische Kir­che gerettet werden, in der nun die Gottesdienste stattfinden. Pfarrer Detlef Plasan erklärte den Zuhörern, dass der heutige Altar seiner Kirche eigentlich ein Epitaph, also ein Grabmahl, für den bedeutendsten Grafen aus dem Geschlecht derer von der Schulenburg war und aus der Stadtkirche stammt. Was weist heute noch außer dem Namen auf die wendische Vergangenheit der Kirche hin? Nicht viel, muss Pfarrer Plasan zugeben. Eine alte Tafel zum Gedächtnis an die Gefallenen aus Doberbus, dem kleinen Nachbarort, wird noch in der Kirche aufbewahrt. Und Doberbus, wendisch Dobrobuz, das wissen noch die älteren Bewohner, heißt seit 1937 Doberburg.

D.-S. Schuster

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