Uraltes „Fest des Lichts“ in der Niederlausitz
Die Zapust genannte „Wendische Fastnacht“ ist eines der größten traditionellen Volksfeste in der Niederlausitz. Man spreche bitte „Sapust“ mit stimmhaftem „S“ am Anfang wie in „Sahne“.
Der Zapust ist kein „Fasching“ oder „Karneval“. Unsere slawischen Vorfahren pflegten ihren Brauch bereits vor der Christianisierung. Lange bevor Deutsche in die Lausitz kamen und – wie der Liederpoet und Satiriker Pytko einst als bissige Antwort auf die „deutsche Leitkultur“-Diskussion formulierte – es nicht geschafft haben, „sich in die sorbische Leitkultur zu integrieren“ und eben „eine Parallelgesellschaft aufgebaut“ haben! – Zum Zapust darf viel gescherzt und gelacht werden.
Heute gehören drei Hauptelemente zum Zapust in den wendischen Dörfern um Cottbus: das Zampern, der Zapust-Umzug in wunderschönen Festtrachten und der Tanz. Das Wort „camprowaś“ (deutsch: Zampern) konnte noch nicht vollends zufriedenstellend erklärt werden. Man versteht es als Erheischen von Gaben. Volkskundler E. Schneeweis (1886-1964) versucht an das Verkleiden der Personen anzuknüpfen mit dem Wort „Schemebart“ aus dem Mitteldeutschen. Der Pfarrer A. Frenzel (1656-1740) indes erläuterte ihn mit „Schomper“, eine archaische Benennung für dünnes Bier. Heutige Sprachkundler treffen keine genaue Aussage, verweisen aber auf ein niedersorbisches Wort „campo“ (deutsch: der Latsch), als sei das Zampern von der Sitte des Herumgehens herzuleiten. Mädchen und Frauen beteiligten sich übrigens ursprünglich nicht beim Zampern! Das hat sich geändert.

Ich vermute, das Wort „Zampern“ hatte einst eine andere Bedeutung und beleuchtet den ursprünglichen Sinn des Brauches: Die Friesen im Norden Deutschlands pflegen im Februar noch den alten, einst heidnischen Brauch „Biikebrennen“, und in der griechischen Sprache meint das Wort „tsampika“ den „Feuerschein“. Falls es einen Zusammenhang zwischen den drei Wörtern gibt, handelt es sich um das „Fest des Lichts“!
Nach der langen kalten und dunklen Jahreszeit vertrieb man Dunkelheit, Winter und die bösen Geister, ehrte seine guten Götter und weckte den Frühling mit Licht und Sonne. Der geschmückte Reisigbesen, der an der Spitze vieler Zapust-Umzüge mitgeführt wird, verweist symbolisch auf die Winterauskehr. Vielleicht sind es auch „Lebensruten“, welche Fruchtbarkeit verheißen. Der Aschermittwoch wurde in der Niederlausitz auch „šwigawa“ (Rutentag, zu šwigaś = peitschen, schlagen) genannt.
Aus der NS-Zeit ist übrigens ein Verbot bekannt: Am 22.01.1938 schrieb der Regierungspräsident aus Frankfurt/Oder an die hiesigen Bürgermeister und Ortspolizeibehörden, dass gegen „Sammlungen in der Fastenzeit, die mit ´Zampern´ bezeichnet werden, … polizeilich und strafrechtlich einzuschreiten“ sei.
Zum Zapust-Tanz achteten die Mädchen sehr darauf, dass ihr Tänzer ein möglichst großer Bursche war. Dieser sollte seine Tänzerin auch tüchtig drehen und hochheben, und das Mädchen sollte beim Tanzen hoch springen – denn dann würde der Flachs in diesem Jahr besonders lange und weiche Fäden bekommen. Die Leinenpflanze war eine der wichtigsten Nutzpflanzen im bäuerlichen Leben und Wirtschaften. Auch die Älteren sollten fleißig tanzen, hält der Volkskundler J. E. Schmaler (1816-1884) fest: „Je mehr Hauswirth und Hauswirthin zur Fastnachtszeit tanzen, desto besser geräth ihnen dasselbe Jahr der Flachs.“ Aber: „Wenn jemand am Fastnachtstage spinnt, der ist Schuld, dass dann das Vieh das ganze Jahr lahmt.“
1874 gab die deutsche Obrigkeit, die es schon lange störte, dass die Wenden alljährlich eine Woche Fastnacht feierten, für den Cottbuser Kreis eine neue Kreisordnung „Gegen das ausschweifende Feiern der Fastnacht“ heraus. In dieser wurde angeordnet, dass sie nur noch drei Tage den Zapust feiern dürften und nicht mehr sechs (!) Tage. Im Lübbener Kreis wurde solch eine Anordnung nicht erlassen.
Im Kalender altslawischer Festlichkeiten finden sich Indizien, die sich mit der wendischen Fastnacht verknüpfen lassen: Am 2. Februar beging man das Fest „gromnica“. Der Winter traf sich mit dem Frühling. Dieses bezieht sich vermutlich auf die ersten Gewitter des nahenden Frühlings. Die Menschen sangen, baten um Wärme, beteten zu ihrem Gott Swarog und anderen Gottheiten. Vom 9. bis 15. Februar begingen sie die „Woche des Weles“. Die Winterpelze wurden gewendet und nun mit der Fellseite nach außen getragen. Abgesandte der vorchristlichen Slawengottheit zogen durch die Siedlungen, Häuser und Wirtschaften und sprachen Verse für die Gesundheit der Haustiere. Die Woche der Gottheit Weles währte sechs Tage. Aber auch die verkleideten, durch die Dörfer ziehenden Helfer der slawischen Gottheit, welche sehr an die Zampergestalten bei uns erinnern, belegen diese Annahme.
Wenn der Zapust ein so sehr alter Brauch ist, verwundern die Jubiläums-Zahlenangaben. Die „Lausitzer Rundschau“ schrieb z.B. im Februar 2007: „Die 150. wendische Fastnacht wird am kommenden Wochenende in Sielow gefeiert. Damit gehört der dortige Zapust zu den ältesten in der Region.“ Offenbar wird angenommen, dass der wendische Brauch erst seit dem 19. Jahrhundert existiert.
An der Wahrhaftigkeit der Jubiläumszahlen darf man zweifeln. Oft stützen sie sich lediglich auf das mündliche Zeugnis alter Bewohner. Da kann es auch schon mal kurios werden: Im Cottbuser Ortsteil Saspow/Zaspy wurde 2001 der 115. Zapust gefeiert. Demnächst am 7. und 8. März 2009 ist es aber schon der 165. - !?! Lustig, aber erklärbar: Man hatte inzwischen ein Buch erhalten, in dem zweifelsfrei bezeugt ist, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts in Saspow drei Spinntestuben gab und jede feierte ihren Zapust zwei Tage. So wurde also auch in dem kleinen Dorf an der Spree früher sechs Tage gefeiert. Niemand zweifelt, dass der Brauch hier schon um 1845 existierte. Zuvor war man durchaus begründet von 1886 ausgegangen.
Unsere Vorfahren kannten das Vertreiben des Winters, aus dem sich die heute bekannte schöne wendische Fastnacht entwickelte, aber sicher schon in ihrer Urheimat. Sie pflegten den Brauch weiter, nachdem sie vor rund anderthalb Jahrtausenden in die weitgehend siedlungsleere, von ihnen wegen des Wasserreichtums „Łužyca“ (Lausitz, Sumpfland) genannte Region gelangten, hier die friedliche Landnahme vollzogen, neue Ortschaften gründeten und das Land kultivierten. Sicher in ganz anderer Form als heute, eben als Teil ihrer damaligen vorchristlichen Weltanschauung. Sie gaben ihr Brauchtum nicht einfach auf, als sie Christen geworden waren.
Der Zapust fand Eingang in die bildende Kunst, er wurde auch in Reimform gebracht, vertont, gesungen, getanzt und erfreut sich allgemein einer großen, ungebrochenen Beliebtheit. Im Jahrzehnt zwischen 1995 und 2005 fanden übrigens in bis zu 50 Ortschaften der wendischen Niederlausitz Zapustumzüge mit alljährlich rund 1400 bis 1750 Paaren in niedersorbisch-wendischer Festtracht statt.
In weiteren Niederlausitzer Ortschaften, in denen die Tracht nicht mehr existiert und die wendische Sprache leider erloschen ist, werden ebenfalls weiterhin Teile des Zapust-Brauches gepflegt, vor allem das Zampern. (Ausführlicheres zum Zapust in „Sorbische Kostbarkeiten II“, erschienen im Wendischen Museum Cottbus.)
Werner Meschkank

