Soll die NS-Ideologie wieder salonfähig gemacht werden?
Das CB-Stadtmagazin vom Januar/Februar 2009 enthält einen Artikel über die Wenden und die Deutschen und ihre Stadt. Dieser ist durchaus informativ und vermittelt wichtige Fakten und Zusammenhänge zu den Sorben/Wenden. Einzelne Passagen erregen jedoch Widerspruch, weil sie unkonkret sind und nicht weiter unterlegt werden. Zudem wird eine verhängnisvolle und nicht zu akzeptierende Tendenz sichtbar, die sich an die Propaganda des Dritten Reiches anlehnt, wonach die Sorben bzw. Wenden als wendisch-sprechende Deutsche bezeichnet wurden. Aus der einschlägigen, auch in deutscher Sprache erschienenen Literatur zur Geschichte der Sorben/Wenden ist ersichtlich, dass die Domowina die Aufnahme dieses Passus in ihre Statuten konsequent ablehnte. Dafür wurde sie im März 1937 verboten.
Im Folgenden möchte ich auf die betreffenden Textstellen gesondert eingehen:
Im Gegensatz zu den Sorben der katholischen Oberlausitz haben sich die Sorben/Wenden der Niederlausitz schon früh zum Deutschsein bekannt.
Und vor allem:
Die Sorben in den 1950er oder erst 1993 eingemeindeten Dörfern sahen und sehen sich mehrheitlich als wendische Deutsche, schlossen mit der Domowina aber zumindest einen Burgfrieden.
Zum ersten Passus: Was heißt hier früh? Woran misst dies der Autor? Dies bleibt im Kontext leider offen. In den nachfolgenden Bemerkungen, die sich auf den Zeitraum Mitte des 16. Jahrhunderts beziehen, wird darauf leider nicht eingegangen. Insofern bleibt die Unterscheidung zwischen katholischer Oberlausitz und protestantischer Niederlausitz in Bezug auf das Bekenntnis der Sorben/Wenden zum Deutschsein im Raum stehen.
Zu fragen ist: Soll damit etwas bezweckt werden, und was? Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, wenn beide obigen Textauszüge im Zusammenhang gesehen werden.
Doch zunächst zurück zu ersterem Textpassus: Aus der Geschichte ließe sich vieles dazu anführen. So wäre festzuhalten, dass das vielleicht vom Autor gemeinte – Bekenntnis zur Obrigkeit (Treueid), sei es in Bezug auf die Stadtväter (Bürgermeister) oder gegenüber dem Fürsten, nach der Reformation Normalität in allen Regionen der zweisprachigen Lausitz war. Bei den Treueschwüren (sorb.: pśisega) handelt es sich um die ältesten sorbischen Sprachdenkmäler in der Ober- und Niederlausitz. Treueide wurden zumeist in deutscher und ober- bzw. niedersorbischer Sprache verfasst. Insofern gab es im 16. Jahrhundert noch keinerlei Unterschiede zwischen den katholischen Sorben/Wenden in der Oberlausitz und den protestantischen in der Niederlausitz, was das Bekenntnis zu ihrem Volkstum anbetrifft. Dass es in der Folgezeit zu diesbezüglichen Differenzierungen kam, resultierte vor allem aus der unterschiedlichen Politik verschiedener Herrscherhäuser gegenüber den Sorben/Wenden in beiden Lausitzen. Dabei möchte ich es an dieser Stelle bewenden lassen.
Zum zweiten Textauszug:
Die Frage des Bekenntnisses unter der sorbischen/wendischen Bevölkerung ist zweifellos nicht einfach zu beantworten, weil sie von jeher von verschiedenen Faktoren abhängt und gesicherte Erkenntnisse und Erhebungen nur bedingt vorliegen. Vom Verfasser des Artikels wird dieser Aspekt jedoch sehr vereinfacht, tendenziell negativ und der Wahrheit widersprechend dargestellt. So wird m.E. suggeriert, dass sich die sorbische/wendische Bevölkerung der Niederlausitz wohl niemals in ihrer Geschichte mehrheitlich als Sorben bzw. Wenden bekannt hat, auch nicht nach 1945/50. Überhaupt ist zu fragen, welchen Eindruck der Leser an dieser Stelle von der Domowina erhalten soll. So wird vom Autor nicht auf deren verdienstvolle Rolle bei der Erhaltung und Pflege der sorbischen/wendischen Sprache und Kultur eingegangen. Dafür wird in dieser Textpassage zum Ausdruck gebracht, dass es in den 43 Jahren zwischen 1950 und 1993 zu keinen Veränderungen in der Frage des Nationalstolzes und des Bekenntnisses zum Sorbentum in der Niederlausitz gekommen sei.
Dieser Position widersprechen z.B. die Ergebnisse von Volkszählungen, die zudem noch Fehlerquoten zuungunsten der Anzahl der sorbischen/wendischen Bevölkerung enthalten. In Preußen gab es überhaupt erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Volkszählungen, bei denen die Bürger nach ihrer Muttersprache befragt wurden, später auch noch zu ihrem nationalen Bekenntnis. So wurden 1861 allein im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder), der die gesamte Niederlausitz einschloss, fast 50.000 Sorben bzw. Wenden gezählt. Insgesamt waren es über 137.000 Sorben/Wenden in Sachsen und Preußen. Die wahre zahlenmäßige Größe der sorbischen/wendischen Bevölkerung lag jedoch noch darüber, da es u. a. folgende Fehlerquote gab. So fragte man in Preußen während der Volkszählung nach der Familiensprache der Bewohner. Fremdsprachige Dienstleute, die vielerorts Sorben/Wenden waren, wurden dadurch zur Sprache des oftmals (deutschen) Familienoberhaupts gerechnet. Noch drei Jahre zuvor, bei der Volkzählung 1858, waren im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) noch 76 771 Sorben/Wenden amtlich gezählt worden. Diese Frage ließe sich bis zur Volkszählung 1946 fortführen.
Darüber hinaus ist noch auf ein anderes Problem in diesem Artikel hinzuweisen. So erwähnt der Autor mit keiner Silbe abgesehen davon, dass 1946 die Anhänger der Domowina deutscher Argwohn begleitete, was vor allem bis 1949 von deutscher Seite getan wurde, um Sorben/Wenden vor allem in der Niederlausitz den Stolz auf ihre Muttersprache, d.h. ihr nationales Selbstbewusstsein (Bekenntnis) zu nehmen. Angesichts der auf die gänzliche Abschaffung (1667) der niedersorbischen Sprache ausgerichteten Politik im Markgraftum Niederlausitz, die zwischen 1933 und 1945 ihren Höhepunkt erreichte, steht außer Zweifel, dass es unter der sorbischen/wendischen Bevölkerung vor und erst recht nach dem Ende des NS-Regimes Personen gab, die sich nicht bzw. nicht mehr zu ihrem Volkstum bekannten. Dies war übrigens Realität auch in anderen Teilen der Lausitz.
Hierbei möchte ich es bewenden lassen. Abschließend sei nochmals hervorgehoben, dass es mich freut, wenn informative Artikel über die Sorben/Wenden erscheinen und man sich mit deren Geschichte auseinandersetzt. Vielleicht wäre jedoch an mancher Stelle die Abstimmung mit Vertretern der Sorben/Wenden von Vorteil. Zu einem Gespräch mit dem Verfasser des Beitrags bin ich jederzeit bereit.
Dr. Pětš Šurman

